Clemens Berger: Erzählungen

Rezension in Edit 50 (September 2009):

Gegenweltskonstrukteure

Zu Clemens Bergers Erzählband „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“

Wer mit „Und“ anfängt, macht klar, dass das kein Anfang ist. Sagt, dass da links vom Text noch etwas steht, Weiß auf Weiß. Und fordert, dass auch das, was wortlos gesagt ist, vor und neben den Zeilen, gelesen werden soll. „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“, ist Clemens Bergers neuer Band überschrieben, was schon andeutet, dass es dem Autor in den fünf Erzählungen um Passionen geht; gespielte und wirkliche und solche, die durch Spiel wirklich werden. Dass Berger Zitate liebt, verrät der Titel außerdem. Und dass sich seine durch und durch heutigen Figuren kompromisslos an den uralten Traditionen abarbeiten.

Die Protagonisten sind fast ausnahmslos aufstrebende Intellektuelle und Künstler in der Alterszone 30; getriebene Wahrheits- und Entgrenzungssucher, emphatische Gegenweltskonstrukteure. Mit den allzu überschwänglich Liebenden unter ihnen wandelt der Autor oft ganz hart an der Grenze zum Kitsch; manchmal auch jenseits. Aber wo den meist unerbittlich Scheiternden ein Plot mitgegeben ist, der das Zitierte wirklich neu anblickt, wo Berger seine professionellen und verhinderten Philosophen die radikalsten Fragen stellen lässt, um daraus erzählerisch die Konsequenzen zu ziehen, da gelingt so etwas wie der „Faustschlag auf den Schädel“, den Kafka von guten Büchern erwartet hat.

Das gilt außer für die Titelgeschichte vor allem für die Eingangserzählung um die junge Malerin Iris, die in ihren ständigen Passagen zwischen Kunstsphäre und umrahmender Wirklichkeit eine typische Berger-Figur ist. Tiefe Unmittelbarkeitssehnsucht und der Wunsch, den musealen Raum zu überschreiten, führen zur Krise einer Kunst, der das althergebrachte Konzept von Gesellschaftskritik ebenso verdächtig geworden ist wie die utopischen Zukunftsentwürfe. Gerade im Suchen nach dem revolutionärsten Bild von allen, nach dem „stärksten, die Zeiten überdauernden Einspruch gegen Herrschaft“ führt Iris‘ Ausbruchsversuch in den „toten Winkel“ des ost-österreichischen Grenzlands und in ein künstlerisches Gegenprogramm: „wie eine Alte Meisterin malen, aber auf der Höhe der Zeit.“

Hier hätte man den Konflikt auf das Prekäre dieses Ansatzes hin zuspitzen können: schärfstmöglicher Protest oder schöngeredete Affirmation? Paradoxe Zeitnähe oder unfreiwilliger Backlash? Berger wählt einen anderen Weg, lässt individuellen Kunstentwurf und reaktionäre Dorfwelt zusammenstoßen und führt die Handlung in nicht-linearer Stringenz auf den Skandal hin, der Iris‘ Altarbild „Christi Geburt“ überhaupt erst an den Ort bringt, vor dem sie geflohen war: ins Museum. Dass die satirische und zugleich elegische Parabel auf den Kunstbetrieb nebenbei als unaufdringlich erzählte Liebesgeschichte funktioniert, macht sie fast ebenso vielschichtig wie die Novelle, von der auch der Band seinen Titel hat und die im Subtext mehrfach mit dem Eröffnungstext korrespondiert.

Und hieb ihm das rechte Ohr ab ist wohl trotzdem die noch ambitioniertere Erzählung von beiden. Darin soll Alfred, den alle nur Fredi nennen, bei einer Laienaufführung der Passionsspiele den Judas spielen. Doch Spielen, das heißt für ihn immer weniger ein „Als ob“ und immer mehr ein Einswerden mit der Fiktion. Alfred verliert sich in der Rolle, die er spielt, verliert sich an sie. Und er will innerhalb ihrer wissen, welche Rolle er für die Geschichte spielt: Ist Judas vielleicht sogar Jesus‘ wichtigster Verbündeter, weil ohne den Verrat der göttliche Plan nicht aufgehen würde? „Bin ich also“, fragt Alfred, „ein Verräter oder sein bester Freund?“

So wie ihm die Rollen- und Ich-Grenzen verschwimmen, überblendet die Erzählung durch das Kuss-Motiv und mithilfe der Schlüsselwörter „Schuld“ und „Verrat“ den Handlungsstrang „Identitätskrise“ mit einem vertrackten Liebeskonflikt. Das wirkt stellenweise etwas forciert, sorgt aber erst für die zusätzliche Spiegelung, die der Erzählung ihre atemberaubende Dialektik gibt und den Protagonisten bis zum Ende tief ambivalent macht. Spricht aus Alfreds leidenschaftlichem Spiel Idealismus oder eine fanatisch-biedere Pflichterfüllungsmentalität? Ist der Paukenschlag, den er am Ende setzt, Protest oder bloße Ausflucht, nicht nur vor seinem Fredi-, sondern auch vor dem Alfred-Leben?

Noch eine andere Perspektive eröffnet Berger, wenn er mit ganz wenigen Worten die antisemitischen Ressentiments vor allem des Regisseurs andeutet und zugleich zeigt, welche Entwicklung der Protagonist in seiner autodidaktischen Bibelexegese nimmt. Alfred lernt genaues Lesen, nicht nur des Textes, den er spielen soll, sondern auch der Regieanweisungen, der Worte seiner Mitmenschen. Vor diesem Hintergrund wird seine autonome Performance bei der Premiere lesbar als Aufstand und ungeheurer Racheakt. Ein verzweifelt hilfloser allerdings, der auf den Deutungswillen derer angewiesen ist, gegen die er sich richtet.

Wenn im Vergleich zu dieser hochkomplexen Novelle eine Erzählung auch mal ganz einfach gestrickt ist, muss man dies dem Autor bestimmt nicht ankreiden. Schade aber ist, wenn ihr auch das Frappierende des unkonventionellen Blicks abgeht, der vielleicht Bergers größte Stärke ist. So ist Just because the sky? eine Dreiecksgeschichte geworden, die – pardon – recht nullachtfünfzehn daherkommt, auch weil ihr dort, wo sie ansetzt, tiefer zu dringen, ein etwas zu geschwätziger Erzähler mit seinen Selbstinterpretationen in die Quere kommt.

Etwas dekonstruktiven Input hätte vor allem auch die Italien-Geschichte So warm im Kopf nötig gehabt, deren entspanntes Verhältnis zum Klischee dann doch erstaunt. Hier ist es meist, wie es häufig war in der deutschsprachigen Literatur: Rom, Amalfi, Neapel; arte, bellezza, amore. Doch weder wird die Traditionslinie gebrochen, noch gelingt die Evokation. Das Große, was da an Erlebtem oder Imaginiertem transportiert werden soll, bleibt irgendwo zwischen Autor und Leser in der Leitung stecken und heraus ploppt am Ende oft nur ein schnödes Adjektiv, das für alle behauptete Überwältigung einstehen soll. Ein Wort wie „schön“ oder „wunderschön“, die überhaupt Lieblingsvokabeln in dem Band sind; allerdings auch von überschaubarer Plastizität.

Ähnliches gilt leider für die vielen erotischen Szenen des Buchs mit ihrem „Sie lagen erschöpft und lächelnd nebeneinander“-Duktus. „Wie erregt er war, als sie beim Laufen zum Dehnen stehen blieben, er ihr zeigte, wie sie die Hände am Rücken zu verschränken habe, wie er sich sofort wegdrehen musste, um sie nicht sehen zu lassen, was sich an seiner Hose abzeichnete.“ Die Erregung sei dem Protagonisten ja gegönnt. Nur ist das sprachlich doch eher ein Liebestöter. Ganz anders die Abschlussgeschichte. Frei von den Narzissmen, die sich Bergers männliche Erzähler gelegentlich gönnen, steuert der Plot hier ohne Umschweife auf die Demontage des Helden zu und entfaltet die Erzählung gerade dadurch ihren Drive, dass sie am Nahen der Katastrophe keinen Zweifel lässt. Sondern nur noch ein wenig das Wie vorenthält.

Clemens Berger: Und hieb ihm das rechte Ohr ab. Wallstein Verlag: Göttingen 2009.